Mein erster Marathon

swb-Marathon Bremen 2017

Nun ist es geschafft: gestern bin ich meinen ersten Marathon gelaufen. Das wichtigste zuerst: Ich bin im Ziel angekommen mit einer Nettozeit von:

04:17:20

Heute am Tag danach versuche ich, die Gedanken auf die Reihe zu bringen und ein paar Schlussfolgerungen zu ziehen. Noch sind die Ereignisse frisch und ich bin wahrscheinlich noch zu emotional und nicht 100% objektiv.

Das Positive

Ich habe den Lauf gut überstanden. Ich war nicht dehydriert, ich hatte während des Laufs keinen Hunger und keine Magen- oder Darmprobleme. Heute halten sich die Schmerzen in Grenzen. Dafür hat das Training Wirkung gezeigt.

Das Negative

Ich hatte die letzten 10 km schwer zu kämpfen und konnte meine gewünschte Zielzeit (4 Stunden) nicht schaffen. Nach dem 32. Kilometer konnte ich nur noch sehr langsam laufen und musste mehrere Gehpausen machen.

Trotzdem ist meine Zeit nicht schlecht. Wenn ich durchgängig einen 6er Pace gelaufen wäre, wäre ich damit sehr zufrieden. Nur so hat es keinen Spaß gemacht.

Ich hatte mir vorgestellt erschöpft aber glücklich ins Ziel zu kommen. Stattdessen war ich enttäuscht und verunsichert.

Hier der Link auf Strava.

Der Lauf

Km 1 bis 5 – Don’t trust the pace makers

Kurz vor der Start wäre eine meiner größten Befürchtungen fast wahr geworden: die GPS-Uhr will kein Signal empfangen. Ohne könnte ich nicht richtig pacen. 30 Sekunden vor dem Start schafft sie es endlich. Ich atme auf.

Die ersten paar Kilometer laufen alle an mir vorbei. Der 4:15 Pace Maker läuft einen 5er Pace. Der 4:00 Pace Maker sehe ich nicht mehr. Ich mache meinen eigenen Lauf und versuche einen kostanten 5:40er Pace zu laufen.

Mir ist schnell klar, dass man sich auf die Pace Maker nicht verlassen kann. Stattdessen habe ich eine Frau anvisiert, die den Eindruck macht, eine erfahrene Marathonläuferin zu sein. Sie läuft einen schönen gleichmäßigen Pace. Ich orientiere mich an ihr.

Die Strecke ist hier nicht besonders schön. Wir umkreisen erst mal die Innenstadt, dann geht es in die Neustadt und auf der Werderinsel weiter bis zum Kuhhirten.

Km 5 bis 15  – Werdersee und Habenhausen

Ab hier ist es wirklich schön. Das Feld hat sich beruhigt und alle laufen ruhig und gleichmäßig. Der Werdersee am Vormittag ist sehr schön. Es gibt ein sehr schönes Licht und es ist sehr ruhig. Ich bin glücklich.

P1080897
Glücklich am Werdersee

Nach dem Werdersee laufen wir durch Habenhausen. Dort ist die Stimmung wirklich super! Das ganze Dorf steht an der Straße. Viele Häuser haben Musikanlagen an die Straße gestellt. Es gibt sogar eine Tupperware-Orchester!

Kurz vor dem Weserwehr hole ich den 4:00 Pace Maker ein. Er hat wohl gemerkt, dass er zu schnell gelaufen ist.

Km 15 bis 26 – Läuft

Die nächsten Kilometer laufe ich entspannt weiter. Am Peterswerder ist die Stimmung auch sehr gut. Wir laufen durch Schwachhausen, bis zum Rhododendronpark. Leider nicht direkt an der Botanika vorbei, das wäre schön gewesen.

P1080945
Bei km 20 im Rhododendronpark

Hier merke ich auch, dass die rechte Socke sich unter dem Fuß gefaltet hat und dadurch eine Druckstelle enstanden ist. Später werde ich eine Blase unter dem Fuß haben. Ich laufe aber weiter, das ist nicht so schlimm. Die Pflaster an den Brustwarzen sind auch abgefallen. Damit habe ich aber zum Glück keine Probleme.

Km 26 bis 32 – Der Halbmarathon kommt

Bei km 26 treffen wir auf die Halbmarathonläufer. Ab hier werden die zwei Strecken zusammengeführt und wir laufen gemeinsam bis zum Ziel.

Sie sind so viele! Sie sehen aus der Ferne wie eine einmarschierende Armee aus. Das macht ein bisschen Angst.

Die Halbmarathoni haben nur 6 km hinter sich und sind dementsprechen noch frisch. Wir treffen auf die schnellen Läufer, wahrscheinlich die, die mit 1:40 finishen wollen.

Was habe ich geflucht! Sie überholen von allen Seiten. Wenn man am Boden zusammenbrechen würde, würden sie einfach über deinen bewusstlosen Körper laufen. Sie drängeln an den Verpflegunsstellen.

Ich laufe noch direkt hinter dem Pace Maker. Er ist aber auch unruhig geworden und beschleunigt ein wenig. Zumindest kommt es mir so vor. Die GPS-Uhr zeigt den normalen Pace.

Ich bin vom Gedrängel überfordert und müsste langsamer laufen. Aber ich mache mir Sorgen, den Pace durch die Menschenmasse nicht halten zu können. Ich klebe am Pace Maker.

Bei km 30 kann ich nicht mehr mithalten und lasse ich den Pace Maker weiter laufen. Ich werden ein wenig langsamer, aber nicht sehr viel. Ich bin aber nervös und genervt.

P1080994
Bei km 32. Läuft noch, bin aber ziemlich kaputt.

Bei km 32 sind wir in Walle an der Hansestraße. Also quasi Zuhause. Hier treffe ich wieder Holger. Ich bin schon ziemlich kaputt, auch wenn man es mir nicht ansieht (sagt Holger).

Die Situation mit den Halbmarathonis ist besser geworden. Die Hetzer sind alle an mir vorbei gelaufen und das Feld ist ein bisschen ruhiger geworden. Nächstes Jahr soll ich vielleicht bewusst langsamer laufen, bis sie alle weg sind und erst danach mit dem Wettkampf-Pace weiter machen.

Km 32 bis 40 – Der totale Black-Out

Nach km 32 bin ich ziemlich kaputt. Ich will bis zur nächsten Verpflegunsstelle laufen und dort eine Pause machen.

Eigentlich müsste bei km 32,5 eine Erfrischungsstelle mit Wasser und Iso-Getränken sein. Die gibt es aber nicht. Nur ein einsames Dixi-Klo steht da herum. Also nochmal mächtig geflucht. Warum schreiben sie es auf der Webseite, wenn sie es nicht schaffen? Die Leute verlassen sich darauf!

Ich laufe ein Stücken weiter. Vielleicht ist die Erfrischungsstelle nicht genau bei 32,5, sondern ein bisschen später. Als wir im Hafen sind, ist mir klar, dass es die Stelle nicht gibt. Also mache ich meine erste kurze Gehpause.

Ich laufe dann weiter und halte verzweifelt Ausschau nach einer Verpflegungsstelle. Als ich aufgebe und die nächste Gehpause einlege sehe ich sie in 200 m Entfernung. Also trabe ich bis dahin und halte dort kurz. Wir sind bei km 35.

P1090113
Leidender Gesichtsausdruck an der Schlachte. Bei km 36.

Wir laufen an der Schlachte. Hier sind sehr viele Zuschauer. Sie feuern an und motivieren. Ich bin wirklich kaputt und die Hüften schmerzen. Aber ich will hier nicht gehen, wo es so voll ist. Ich habe noch ein bisschen Stolz.

Holger steht auch an der Strecke, aber ich sehe ihn nicht.

Der Gedanke hier aufzugeben macht sich in meinem Kopf breit. Zum Marktplatz ist es von hier nicht weit. Ich könnte schnell meine Tasche holen und nach Hause fahren. Zum Glück kann ich ihn erfolgreich vertreiben und laufe weiter.

Als wir die Schlachte passiert haben, muss ich die nächte Gehpause machen. Eigentlich bringt das nicht viel. Gehen tut genauso weh wie langsam Laufen. Das hilft nur mental, um ein bisschen runterzukommen und ruhiger zu werden.

Also laufe ich weiter. Ich setze mir kurzfristige Ziele. Ich will auf jeden Fall bis zur Sielwallfähre laufen und dort eventuell eine weitere Gehpause machen. So mache ich es auch.

Jetzt müssen wir nur noch zum Weserstadion, durch das Stadion laufen und zurück zum Ziel. Ich weiß jetzt, ich werde es schaffen. Ich entscheide, die nächste Pause erst zu machen, nachdem wir aus dem Stadion raus sind.

Dort ist auch eine Erfrischungsstelle mit Wasser (endlich!). Die Helfer sind ein wenig überfordert und wir müssen kurz warten, bis sie die Becher gefüllt haben. Ich bin gar nicht böse darüber.

Weiter gehts. Überraschend kann ich die Steigung zum Osterdeich noch laufen. Wir sind bei km 39, es dauert nicht mehr lange. Ich will versuchen bis zum Ziel zu laufen. Das fällt mir schwer. Bei km 40 ist die letzte Verpflegungsstelle. Hier mache ich nochmal halt und gehe kurz.

Km 40 bis zum Ziel – Erleichterung

Jetzt sind wir an der Martinistraße. Es ist fast geschafft. Ich werde wieder ruhig. Ich bin erleichtert und kann ohne große Probleme laufen. Natürlich laufe ich sehr langsam, aber es geht.

P1090131
Kurz vorm Ziel. Erleichtert und wieder ruhig.

Hier treffe ich Holger und Johannes. Ich freue mich, dass er gekommen ist.

Der Zieleinlauf war schön und ohne große Probleme. Das große Jubeln bleibt aus. Ich bin enttäuscht, dass die letzten 10 km so ein schwieriger Kampf waren und kann mich nicht richtig freuen.

Nach dem Lauf

Im Zielbereich ist es sehr voll. Ich trinke zwei Becher Wasser und stelle mich an dem Stand mit dem alkoholfreien Bier an. Die Beine schmerzen, ich muss mich am Rathauseingang hinsetzen und trinke mein Bier aus.

10 Minuten nach dem Zieleinlauf fange ich an zu frieren. Zum Glück treffe ich Holger. Er gibt mir aus seiner Tasche den Pullover, den ich vor dem Start anhatte.

Für die Läufer gibt es Brot und Muffins. Ich hole mir welche, aber ich kann noch nicht richtig essen.

War das der Mann mit dem Hammer?

Seit Gestern grüble ich, was genau passiert ist und wie es dazu kommen konnte.

Ich habe das Training ganz gut absolviert. Oft habe ich sogar mehr gemacht, als vom Plan vorgesehen.

War das der berühmte Mann mit dem Hammer?

Es spricht einiges dagegen. Ich hatte keinen Hunger und nicht viel Durst. Ich war nicht dehydriert. Mir war auch nicht schwindelig und ich musste mich nicht übergeben.

Ich habe auch ab km 15 jede 5 km ein Stück Banane gegessen und ein Iso-Getränk getrunken. Also am Mangel von Kohlenhydraten kann es eigentlich nicht gelegen haben.

Den Mann mit dem Hammer habe ich bei den langen Läufen anders erlebt. Zum Beispiel bei meinem zweiten 30km Lauf am 27.08.2017 (Woche 7). Da hatte ich einen Riesendurst. Ich konnte so viel trinken wie ich wollte, der Durst war nicht gelöscht.

Ich hatte gestern einfach keinen Kraft mehr in den Beinen und ich war sehr nervös und unruhig. Im Moment denke ich, der Einbruch hat zwei Ursachen gehabt:

  1. Ich bin zu schnell gelaufen und war zu schnell erschöpft. Die angepeilte Zeit war zu ehrgeizig. Nächstes Jahr werde ich von Anfang an einen 6er Pace laufen.
  2. Ich habe mich zu sehr über die Halbmarathonläufer aufgeregt. Ich hätte die einfach laufen lassen sollen und mir nicht zu viele Gedanken über die verlorene Zeit machen.

Somit denke ich, das war zu 80% ein mentales Problem. Klar ich bin auch langsamer geworden, weil ich die ersten 30 km zu schnell gelaufen bin. Aber das wäre an sich nicht so schlimm gewesen.

Wenn ich aufgeregt bin, kann ich ganz schlecht laufen. Die Erfahrung habe ich auch bei meinem langen Lauf in Hamburg gemacht (Woche 3). Da war ich vom Verkehr in der Großstadt genervt und ich hatte Zeitdruck, weil ich die letzte Fähre in Wedel nicht verpassen wollte. Da habe ich genau das gleiche erlebt, wie gestern beim Marathon.

Fazit

Ich bin immer noch hin und her gerissen. Gestern war ich total unzufrieden. Heute sehe ich es schon ein bisschen anders, aber ich kann mich noch nicht richtig freuen.

Ich habe es geschafft und ich habe den Marathon recht gut überstanden. Ich habe heute keine nennenswerten Schmerzen, keinen Muskelkater. Mir ging es nach dem Lauf den Umständen entsprechend recht gut. Also hat das Training dafür offentsichlich gewirkt. Ich kann sagen, dass ich für den Marathon gut vorbereitet war.

Ganz klar hat mir etwas mentale Stärke und Gelassenheit gefehlt (obwohl man zum Durchziehen, wenn es schwierig wird auch mentale Stärke braucht). Das kann man nicht trainieren. Man kann nur versuchen, aus den eigenen Fehler zu lernen.

Es bleibt noch die Frage offen, ob die 4 Stunden zu ehrgeizig waren. Nächstes Jahr werde ich mir auf jeden Fall vornehmen, 4:15 ohne Drama zu laufen. Wenn ich das schaffe, kann ich die 4 Stunden nochmal versuchen.

Advertisements

3 Kommentare zu „Mein erster Marathon

Gib deinen ab

  1. Auch hier nochmal: Gratulation!. Das war eine super Leistung. Sei nicht so streng mit dir. Du hast es geschafft. Du hast es finde ich, immer noch in einer guten Zeit geschafft. Du kannst stolz auf dich sein!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

lumacagabi

Gabi Winck

peersistence

a triathlete under construction

Der Gartenbär

Gemüseanbau in meinem Kleingarten

IWP Unterwegs

Am liebsten mit dem Rad

Läuft im Norden

just another Laufblog

ZEIGEN WAS IN UNS STECKT!

Mein Blog über Laufen und Triathlon, Events und Urlaub, Produkttests und Training

The Monad.Reader

Binding your input since 2005

Der Laufbär

Marathon, Wettkämpfe, Training und andere Laufgeschichten

%d Bloggern gefällt das: